Ganzheitliche Atemtherapie

Tief atmen, das ist das A und O aller Krankenbehandlung. Es ist umso wichtiger, weil der moderne Mensch selten durch das Leben gezwungen wird, wirklich zu atmen. Meist begnügt er sich damit, Luft zu schnappen, wie der bezeichnende Ausdruck lautet. Ohne Übung der Atmung ist jede Behandlung sinnlos.
Georg Groddeck, Begründer der modernen Psychosomatik.
Georg Groddeck, Begründer der modernen Psychosomatik.
Schon die feinsten Seelenregungen können sich in einer Veränderung des Atemrhythmus auswirken: In der Freude tritt eine belebende Beschleunigung des Atems ein, im Leid und in der Sorge eine Hemmung. Traurige Menschen atmen langsam und schwer und seufzen dazwischen. Frohe und glückliche Naturen atmen schnell und leicht, gedankenvolle Menschen vergessen oft eine Zeitlang zu atmen.
Hier finden wir auch die Parallelen zu den Temperamenten. Man sagt, jemand hat "leichtes Blut", "schweres Blut", "hitziges Blut" usw. Beide Elemente, Atem und Blut, vollziehen sich in einem rhythmischen Geschehen. Sie sind dem großen Gesetz der Bewegung unterworfen wie alle Prozesse in der Natur – als Ausdruck des Lebendigseins. Die ganze Schöpfung ist durchzogen von dieser lebendigen Bewegung oder "Schwingung", die immer harmonisch ist, solange wir sie selbst nicht stören. Es stellt sich also die Frage, wie wir uns harmonisch in diese Schöpfungsschwingung einfügen können – mit dem Rhythmus unseres Atmens und dem Pulsen unseres Blutes.
Atem ist für uns als Bewegungsvorgang erfahrbar. Dabei meine ich mit "Atem" nicht die Luft, die ja nur in den Lungen verbleibt und nicht spürbar ist, sondern die Atembewegung: Das Atemzentrum registriert den Gehalt von Sauerstoff und Kohlendioxid im Blut und reagiert entsprechend: Es leitet Impulse über dazu bestimmte Nerven an das Zwerchfell als Hauptatemmuskel und an die Atemhilfsmuskulatur weiter. Auf diese Weise angeregt, senkt sich das Zwerchfell nach unten und leitet die Einatmung ein. Brustkorb und damit auch die Lungen weiten sich, Atemluft strömt ein. Sobald wieder genug Sauerstoff im Blut vorhanden ist, schwingt das Zwerchfell in die Ausgangslage zurück.
Dieser Vorgang geschieht in der Regel unbewußt. Im Gegensatz zu allen anderen Kreaturen sind wir als Menschen aber auch in der Lage, bewußt, das heißt willkürlich auf den Atemablauf einzuwirken. Allerdings nur begrenzt - es ist zumindest noch niemand daran gestorben, daß er versucht hat, den Atem anzuhalten. Der unwillkürliche Reflex ist also stärker.
Das bewegte Zwerchfell massiert die Organe
Das Senken und Zurückschwingen des Zwerchfells macht sich für uns bemerkbar durch ein Weit- und' Schmalwerden der Körperwände. Diese Bewegung kann durch den ganzen Körper schwingen, sofern dieser durchlässig und frei ist. Die Atembewegung setzt sich bei gelöster Muskulatur und lockeren Gelenken fort über die Beine bis in die Füße, von den Schultern über die Arme bis in die Hände und über die Halswirbelsäule bis in den Kopf – je weiter entfernt vom Zwerchfell, um so feiner in der Schwingung.
Die freie, optimale Zwerchfellbewegung nimmt eine zentrale Bedeutung ein in der Gesunderhaltung des gesamten Organismus – denn Bewegung bringt immer Erhaltung, Stillstand dagegen führt sehr schnell zur Rückentwicklung, damit auch zur Krankheit und schließlich zur Erstarrung. Die gesunde, natürlich zugelassene, das heißt ungehemmte Bewegung des Zwerchfells ist gleichzusetzen mit einer feinen Massage aller Organe, besonders des Bauchraumes (Leber, Magen, Nieren, Bauchspeicheldrüse und Därme). Sie unterstützt den Fluß der Säfte - Gallenfluß, Bauchspeicheldrüsensäfte, Lymphe - und vor allem natürlich den Blutkreislauf.
Da auch ein Teil des Herzens mit dem Zwerchfell verbunden ist, wird dessen Tätigkeit ebenfalls durch die Atembewegung angeregt. Und nicht zuletzt befindet sich auch das Sonnengeflecht, unser Gemütsbereich, über den der Geist seine "Kraftwellen" an den Körper weiterleitet, direkt unter dem Zwerchfell. Daher sehe ich es als Aufgabe einer Atemtherapie an, die Bewegung des Zwerchfalls optimal zu entfalten.
Atmen als Impuls für den Kreislauf
Das Herz ruht mit einem breiten Streifen seiner rechten Kammer und auch mit einem kleinen Teil seiner linken Kammer auf dem Zwerchfell. Die rhythmische Bewegung des Atems und der damit verbundene Druckwechsel bewirken, daß das Herz sich in der Einatmung vergrößert und in der Ausatmung verkleinert. Auch die Aorta und die großen Hohlvenen stehen unter dem rhythmisch-bewegenden Einfluß der Zwerchfellbewegung. Daraus ergibt sich, daß die Atembewegung in umfassender Weise das Schlagvolumen des Herzens mitzubestimmen vermag.
Immer wieder stehe ich staunend vor der Tatsache, wie vielfach die Verknüpfung und das Zusammenspiel aller körperlicher Funktionen ist. Nichts ist isoliert zu sehen, eins wirkt ins andere, und alles unterstützt sich gegenseitig.
Untersuchungen haben ergeben, daß sich die Einflüsse des Atmens auf das Herz-Kreislaufsystem bei oberflächlicher Atmung und geringer Zwerchfellbetätigung kaum zeigen. An dieser Stelle setzt nun die Aufgabe der Atemtherapie an, Möglichkeiten für eine natürliche Vertiefung der Atem- und Zwerchfellbewegung anzubieten.


