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Bewegungszwang – Wenn Sport zur Sucht wird

Sport hält fit! Doch manche Menschen betreiben Sport bis zur totalen Erschöpfung, obwohl der Körper nicht mehr kann.

Joggen

Der 60-jährige Nachbar ist wahrlich kein Sportmuffel. Seit er in Altersteilzeit ist, dreht sich täglich alles um den Sport. Morgens vor dem Frühstück geht es für eineinhalb Stunden raus zum Joggen in den Park. Nach dem Frühstück direkt auf das superleichte Rennrad und es werden meist 50 Kilometer heruntergespult. Wieder daheim wird kurz zu Mittag gegessen und dann geht es mit der Ehefrau die nächsten Stunden zum Nordic Walking. Da Krafttraining als Ausgleich wichtig ist, werden zuhause im neu eingerichteten Kraftraum noch einige Übungen für den Rücken und die Beine durchgeführt. Es geht an die Kraftgeräte zum Gewichte stemmen oder auf den Stepper mit der höchsten Schwierigkeitsstufe. Abends ist dann an mehreren Wochentagen Tennistraining im örtlichen Tennisverein oder Männerturnen.

Auch am Wochenende wird nicht ausgespannt und die Beine hoch gelegt. Es finden Volksläufe, Radrennen oder Wettkämpfe des Seniorentennisteams statt. Bei schlechtem Wetter geht es zum Schwimmen in das Hallenbad und an den wettkampflosen Wochenenden wird entweder das Rennrad rausgeholt oder es geht mit dem Mountain-Bike in die Berge. Irgendwann habe ich ihn mal gefragt, warum er sich jeden Tag und bei jedem Wetter so schindet. „Ich bin doch meine ganzen Berufsjahre als Abteilungsleiter immer von morgens 8 bis abends 8 im Büro gewesen. Jetzt endlich kann ich die Natur erleben. Ich muss einfach raus und etwas machen“, entgegnete er.

Eigentlich beneidet man den Nachbarn wegen den unterschiedlichen sportlichen Betätigungen. Es gibt keine Ausreden und täglich wird der innere Schweinehund überwunden. Daneben hat er kein unnötiges Gramm Fett an seinem Körper. Doch es ist immer ein innerer Zwang da, um täglich zu trainieren. Weder Sturm, Regen oder Schnee kann ihn aufhalten.

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Regelmäßige Bewegung hält gesund, stärkt das Immunsystem und können Gelenkbeschwerden – wie z.B. bei rheumatischen Erkrankungen – vorbeugen. Doch es gibt auch Schattenseiten der täglichen intensiven Aktivitäten. Die Bewegung rückt in den Mittelpunkt des Lebens und man muss sich ständig bewegen und kann nicht ruhig sitzen. Jeder Tag wird von morgens bis abends trainiert und alles dem Training untergeordnet. Fällt ausnahmsweise ein Training aus, dann sind Entzugserscheinungen, schlechte Laune, Nervosität und Langeweile feststellbar. Solche Anzeichen könnten auf eine Sportsucht bzw. Fitnesssucht hinweisen.

Sportsucht – ab wann beginnt sie?

Wann ist man nur gerne aktiv und wann beginnt die Sportsucht? Für viele Experten sind sportsüchtige Personen, deren ganzes Denken und Handeln sich um den Sport dreht. Diese Menschen treiben nicht nur Sport im großen Umfang, sondern alle ihre Interessen des sonstigen Lebens bleiben auf der Strecke und werden dem Sporttreiben untergeordnet. Mögliche Folgen davon: Soziale Kontakte werden immer weniger und es findet keinen Ausgleich mehr mit anderen Nichtsportaktivitäten statt.

Der Körper am Rande des Zusammenbruchs

Aber auch gesundheitlich kann Sportsucht gefährliche Folgen haben. Jede Person hat seine individuellen körperlichen Grenzen. Wer täglich den Körper mit einer größeren Belastung beansprucht und nicht zwischendurch Regenerationstage einlegt, schwächt das Immunsystem, Knochen, Bänder und Sehnen verschleißen. Ohne Trainingspausen sinkt zudem die Leistung des geschundenen Körpers.

Ursachen der Sportsucht

Warum wird der eigentlich gesunde Sport immer mehr zu einer Sucht? In vielen Fällen stecken hinter dem extensiven Sport psychische Probleme. Dahinter kann sich ein vermindertes Selbstwertgefühl verstecken oder soziale Ängste. Manche Betroffene glauben, durch Training und Anerkennung ihre Minderwertigkeitsgefühle in den Griff zu bekommen und an psychischer Stärke zu gewinnen. Der Sport wird zum Ersatz für die Befriedigung psychischer Bedürfnisse.

Die Freude am Ausdauersport könnte auch an den körpereigenen Glücksstoffen, den sogenannten Endorphinen, liegen, die bei einem längeren Ausdauerlauf ausgeschüttet werden. Der als Runner's High bezeichnete Zustand wird anhand von Studien mittlerweile meist weniger als Ursache gesehen.

Es gibt noch andere Gründe, warum Menschen süchtig nach Sport sind. Wer lange durch den Beruf kaum Möglichkeiten hatte, regelmäßig Sport zu treiben, startet im Ruhestand richtig durch und möchte die meist bewegungslosen Berufsjahre aufholen. Jüngere Menschen sehnen sich hingegen nach dem Wunschgewicht und einem perfekten Körper. Oft hängt dann die Sportsucht mit einer Essstörung (Anorexie oder Bulimie) zusammen. Fitnesssüchtige trainieren nur noch, um Kalorien und Fett zu verbrennen.

Hilfe durch Psychotherapie

Meist kommt der Sportsüchtige nicht selber aus dem Bewegungszwang heraus. Helfen können oft nur Außenstehende, wie am besten der Hausarzt oder ein Psychotherapeut. In einem Gespräch mit dem Sportsüchtigen werden über die Risiken von zu viel Sport informiert. Daneben kann eine individuelle Psycho- und Ernährungstherapie aufgesetzt werden, um ein gesundes Mittelmaß zwischen Bewegung und Regeneration zu finden. Daneben werden die tiefer liegenden Probleme und inneren Zwänge des Einzelnen angegangen.

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